Das Projekt “KryoMon.AT - Kryosphären Monitoring Österreich” liefert erstmals zusammenfassende Einblicke in die Langzeitveränderungen der österreichischen Kryosphäre – also Schneedecke, Gletscher, Permafrost und Seeeisbedeckung. Das von mehreren Forschungsgruppen in Österreich und Deutschland getragene Projekt schafft durch standardisierte Datenaufbereitung und zugängliche Berichte eine fundierte Grundlage für ein besseres Verständnis klimabedingter Veränderungen.
How it started: Auf den Schultern von Riesen
Die Erforschung der Kryosphäre hat in Österreich eine lange Tradition. Bereits 1846 setzte Friedrich Simony die erste bekannte Gletschermessmarke vor einem österreichischen Gletscher (Groß et al. 2018, S. 53; Simony 1895, S. 129). Ferdinand Seeland legte 1882 das erste Querprofil an der Pasterze zur Messung der Fließgeschwindigkeit an (Wakonigg 1991, S. 273). Wolfgang Pillewizer richtete 1938 Bewegungsprofile am Blockgletscher Äußeres Hochebenkar ein (Pillewizer 1957, S. 38). Am Lunzer See begann man bereits 1905 mit der jährlichen Messung der saisonalen Seeeisdecke (Müllner 1924, S. 139), und in Kremsmünster dokumentiert man seit 1763 die Zahl der Tage mit Schneefall (Mohnl 1994, S.37).
Diese Beispiele zeugen von bemerkenswertem historischem Engagement und Weitblick, die den Weg für nachfolgende Generationen von Wissenschaftlern ebneten. Aus diesem frühen Pioniergeist heraus entwickelten sich Erkenntnisse, die weit über ihre anfängliche Wertschätzung hinausgingen. Was einst als mühsame und wenig nützliche Nischenwissenschaft galt, legte den Grundstein für unser gegenwärtiges Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Klima und Kryosphäre. Heute ermöglichen diese kontinuierlichen Messreihen nicht nur Einblicke in historische Veränderungen, sondern dienen auch als wertvolle Grundlage für Prognosen über zukünftige Entwicklungen.
Herausforderungen und Chancen
Mit der Zeit stieg die Anzahl der Messprogramme sowie der erfassten Kryosphärenkomponenten in Österreich. Deren Finanzierung und Verantwortung wird bis heute von unterschiedlichen Forschungsgruppen und Institutionen getragen (z.B.: Hydrographische Dienste der Länder, Energieerzeuger, GeoSphere Austria, Nationalpark Hohe Tauern).
Diese fragmentierte Zuständigkeit wirkte sich auch auf die Aufbereitung, Präsentation und Verfügbarkeit der erhobenen Daten aus. Der Mehrwert einer standardisierten, koordinierten und gemeinsamen Datenaufbereitung wurde dadurch nicht ausgeschöpft. Infolgedessen waren die Veränderungen der österreichischen Kryosphäre trotz der umfangreichen Messprogramme und erhobenen Daten für die Öffentlichkeit, die Stakeholders und internationale Interessenten nur mühsam nachvollziehbar.
KryoMon.AT: Ein standardisierter Ansatz entsteht
Das 2022 gestartete und vom Bundesministerium für Klimaschutz (BMK) geförderte Projekt "Kryosphären Monitoring Österreich" (KryoMon.AT) nahm sich vor diese Lücken zu schließen. Ziel des Vorhabens war es, die am österreichischen Kryosphären-Monitoring (standardisierte Dauerbeobachtung) beteiligten Forschungsgruppen enger zu vernetzen und eine gemeinsame Strategie für die Aufbereitung, Präsentation und Bereitstellung der erhobenen Daten zu entwickeln. Ein wichtiger erster Schritt war ein zweitägiger Auftaktworkshop in Wien, bei dem die beteiligten Forscher:innen zusammenkamen, um sich abzustimmen und ein einheitliches Vorgehen festzulegen.
Hierbei wurde beschlossen, alle bis heute laufenden Langzeitmessungen der Kryosphärenkomponenten Gletscher, Permafrost, Seeeis und Schneedecke in periodisch erscheinenden Berichten auf verständliche Weise zu visualisieren und zu beschreiben. Diese Berichte sollen zum einen die wissenschaftliche Dokumentation der Messergebnisse sicherstellen und zum anderen die Öffentlichkeit über klimabedingte Veränderungen in der Kryosphäre anschaulich und ansprechend informieren.
Der erste KryoMon.AT Bericht
Ende 2023 wurde der erste KryoMon.AT-Bericht veröffentlicht (Hansche et al. 2023). Die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Messungen zur Veränderung der Kryosphäre in Österreich bilden die Grundlage dieses Berichts. Neben beeindruckenden Vergleichsbildern der Veränderungen, werden diese auch anhand international anerkannter Kenngrößen wie der Massenbilanz, den Längenänderungen der Gletscher oder der Mächtigkeit der Auftauschicht im Permafrost in Form von Diagrammen und erklärenden Texten beschrieben.
Jeder Kryosphärenkomponente ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das mit einer Beschreibung der jeweiligen Komponente, ihrer Relevanz im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Vorstellung der Messmethoden eingeleitet wird. Damit wird sichergestellt, dass die dargestellten Veränderungen auch für Leser:innen ohne Fachwissen verständlich sind. Anschließend werden die Messstellen der jeweiligen Komponente (z.B. der Hintereisferner für die „Gletscher“ oder der Blockgletscher Dösen für den „Permafrost“) sowie die dort dokumentierten Veränderungen beschrieben. Die Informationen werden durch zahlreiche Bilder und Karten, visuelle Eindrücke und Hervorhebung wichtiger Informationen, Kennzahlen und Fakten unterstützt. Schnell erfassbar und leicht interpretierbar bei umfangreicher Information – das ist das generelle Motto des Berichts. Einzelnen Kapitel können daher auch unabhängig voneinander gelesen und verstanden werden.
Der erste KryoMon.AT Bericht – Eindrücke in Bildern
KryoMon.AT geht in die zweite Runde
Anfang 2025 konnte das Projekt KryoMon.AT dank einer Finanzierung durch das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) in eine neue Phase starten.
Bereits zu Projektbeginn war es ein zentrales Ziel, regelmäßig Berichte über Veränderungen in der österreichischen Kryosphäre zu veröffentlichen – also über die Entwicklung von Schneedecke, Gletschern, Permafrost und Seeeis. Eine kontinuierliche Fortführung des Projekts ist daher wesentlich, um diese langfristige Berichterstattung sicherzustellen und Entwicklungen verlässlich dokumentieren zu können.
Vor diesem Hintergrund kamen die am österreichischen Kryosphären-Monitoring beteiligten Forschungsgruppen zu einem zweitägigen Workshop in Wien zusammen, um die nächste Projektphase vorzubereiten. Dabei wurde der erste Bericht gemeinsam analysiert, Verbesserungspotenziale identifiziert und ein Fahrplan für den nächsten Bericht erarbeitet.
Der zweite KryoMon.AT Bericht
Der Anfang 2026 veröffentlichte zweite Bericht unterscheidet sich deutlich von seinem Vorgänger. Während der erste Bericht vor allem als Grundlage für eine künftig regelmäßig erscheinende Berichtsreihe zur Kryosphäre konzipiert war und daher umfangreiche Hintergrundinformationen enthält, setzt der neue Bericht einen anderen Schwerpunkt.
Im ersten Bericht werden unter anderem die Methoden der Datenerhebung erläutert, die Messstandorte – wie Gletscher, Tiefenbohrlöcher und Seen – beschrieben sowie die historische Entwicklung der Messungen dargestellt. Der aktuelle Bericht verzichtet bewusst auf diese Details und konzentriert sich stattdessen auf eine kompakte und übersichtliche Darstellung der Entwicklungen der österreichischen Kryosphäre in den Jahren 2022/23 und 2023/24.
Neu hinzugekommen ist außerdem das Kapitel „Monitoring – Daten, die Wissen schaffen“. Es verdeutlicht, dass die im Rahmen des Langzeitmonitorings erhobenen Daten nicht nur gesammelt, sondern aktiv genutzt werden, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Damit soll das Verständnis für den Nutzen dieser Aktivitäten gestärkt werden.
Ergänzt wird der Bericht durch vier „Special Stories“ – kurze, maximal zweiseitige Beiträge, die spannende Ereignisse, Experimente oder Methoden näher beleuchten.
Der zweite KryoMon.AT Bericht – Eindrücke in Bildern
Literatur
Groß, G. (2018): Die Geschichte der Gletscherbeobachtung und -messung in den Österreichischen Alpen. In: Fischer, A., Patzelt, G., Achrainer, M., Groß, G., Lieb, G. K., Kellerer-Pirklbauer, A. und Bendler, G. (Hg.): Gletscher im Wandel. Deutschland: Springer Spektrum Berlin, Heidelberg, S. 53-96.
Hansche, I., Fischer, A., Greilinger, M., Hartl, L., Hartmeyer, I., Helfricht, K., Hynek, B., Jank, N., Kainz, M., Kaufmann, V., Kellerer-Pirklbauer, A., Lieb, G.K., Mayer, C., Neureiter, A., Prinz, R., Reingruber, K., Reisenhofer, S., Riedl, C., Seiser, B., Stocker-Waldhuber, M., Strudl, M., Zagel, B., Zechmeister, T. und Schöner, W. (2023): KryoMon.AT - Kryosphären Monitoring Österreich 2021/22. Kryosphärenbericht Nr. 1. Graz: Universität Graz (doi:10.25364/402.2023.1), S. 203.
Mohnl, H. (1994): Die Schwankungen der Neuschneehöhe und Schneedeckendauer in Österreich (Periode 1895-1992). In: Böhm, R. (Hg.): Jahresbericht des Sonnblick-Vereines für die Jahre 1992-1993. Wien: Eigenverlag des Sonnblick-Vereines, S. 5-47.
Müllner, J. (1924): Zur Vereisung der Seen der Ostalpen. In: Geografiska Annaler 1924, 6, S. 131-179.
Pillewizer, W. (1957): Untersuchungen an Blockströmen der Ötztaler Alpen. In: Geomorphologische Abhandlungen 1957, 5, S. 37-50.
Simony, F. (1895): Das Dachsteingebiet. Ein Geographisches Charakterbild aus den Österreichischen Nordalpen. Wien: Eduard Hölzel Verlag, S. 182.
Wakonigg, H. (1991): Die Nachmessungen an der Pasterze von 1879 bis 1990. Arbeiten aus dem Institut für Geographie in Graz 1991, 30, S. 271-307.