Die Jahre 2022/23 und 2023/24 waren in Österreich von außergewöhnlich warmen Bedingungen geprägt und führten zu einem markanten Rückgang aller Komponenten der Kryosphäre. 2024 war mit einer österreichweiten Durchschnittstemperatur von +8,8 °C das wärmste Jahr der österreichischen Messgeschichte (Stand 2024); am Sonnblick wurden mit 66 frostfreien Tagen in Folge mehr als doppelt so viele Tage wie beim bisherigen Rekord registriert.
In den beiden Haushaltsjahren verlor die Gesamtheit der 13 überwachten Gletscher im Mittel rund 2 m an Mächtigkeit (−1.856 mm Wasseräquivalent 2022/23 und −1.767 mm 2023/24) – die zweit- und dritthöchsten Verluste seit Beginn der Messreihen. Einzelne Gletscher wie das Wurtenkees erreichten Extremwerte bis −2.313 mm Wasseräquivalent (2022/23) bzw. −2.726 mm (2023/24). Im gleichen Zeitraum zogen sich die Gletscherzungen im Mittel um etwa 24 m pro Jahr zurück, mit Maximalwerten von 203,5 m an der Pasterze 2022/23 und 227,5 m am Sexegertenferner 2023/24. Parallel dazu nahm die Gletscherbewegung weiter ab.
Im Permafrost wurden an den Bohrlöchern am Kitzsteinhorn und am Hohen Sonnblick Rekordwerte der Auftauschichtmächtigkeit gemessen. Am Sonnblick verdoppelte sich die Auftauschicht von etwa 1 m im Jahr 2010 auf rund 2,0 m im Sommer 2024, am Kitzsteinhorn wurden 2023 3,5 m und 2024 4,4 m Auftaumächtigkeit erreicht. Oberflächennahe Bodentemperaturen in den Hohen Tauern zeigen Erwärmungsraten von etwa 0,08 °C pro Jahr, mit neuen Höchstwerten von bis zu 2,87 °C im Messjahr 2023/24 in potenziell permafrostbeeinflussten Hochlagen. Auch die Bewegungsraten der Blockgletscher nehmen weiter zu: Im Äußeren Hochebenkar wurden mittlere Geschwindigkeiten bis über 30 m / Jahr (2023/24) und bei einzelnen Messpunkten Tageswerte von über 20 cm registriert. Eine langfristige Tendenz zu höheren Bewegungsraten ist an allen untersuchten Blockgletschern unverkennbar und bringt zunehmend ungünstige Permafrostbedingungen zum Ausdruck.
Die Eisbedeckung österreichischer Seen reagiert ebenso empfindlich auf die Erwärmung. Am tiefliegenden Lunzer See verringerte sich die Dauer der geschlossenen Eisdecke im Vergleich zum Mittel 1991–2020 um 81,7 % (−49 Tage) im Winter 2022/23 und um 96,7 % (−58 Tage) im Winter 2023/24; 2023/24 war der See nur noch zwei Tage zugefroren. Auch am Piburger See dauerte die Eisbedeckung 2022/23 mit 84 Tagen und 2023/24 mit 68 Tagen deutlich kürzer als im langjährigen Mittel (um 20 Tage bzw. 36 Tage kürzer). Im Gegensatz dazu zeigen hochgelegene Seen wie der Gossenköllesee in 2.416 m Seehöhe mit 170 Tagen (2022/23) bzw. 241 Tagen (2023/24) Eisbedeckung bislang keine Verkürzung.
Der Schneewinter 2022/23 war in großen Teilen Österreichs deutlich schneearm. In mittleren Höhenlagen lagen die maximalen Schneehöhen bis zu 70 % unter dem Mittel 1991–2020, die Schneedeckendauer erreichte vielerorts nur 40-60 % der üblichen Dauer, in tiefen Lagen waren es noch deutlich weniger. Auch 2023/24 blieb die Schneedecke unterdurchschnittlich: In Langen am Arlberg verringerte sich die Dauer der Winterschneedecke um 4 % gegenüber dem Referenzzeitraum, in Lackenhof 2023/24 sogar um 66 %. Während Neuschnee nach wie vor fällt, wird er durch die erhöhten Temperaturen immer rascher wieder abgebaut, sodass sich nur noch in höheren Lagen länger anhaltende Schneedecken ausbilden.
Insgesamt zeigt der Bericht, dass die österreichische Kryosphäre – Gletscher, Permafrost, Schnee und Seeeis – in den Jahren 2022/23 und 2023/24 erneut massiv zurückgegangen ist. Die dokumentierten Temperaturrekorde, Gletschermassenverluste von rund 2 m pro Jahr, zunehmende Permafrostauftaumächtigkeiten bis 4,4 m, eine drastisch verkürzte Seeeisdauer an tieferen Seen und deutlich reduzierte Schneehöhen fügen sich zu einem klaren Bild: Die Kryosphäre in Österreich befindet sich auf einem beschleunigten Rückzug.
Hier können Sie den gesamten Bericht oder nur einzelne Kapitel des zweiten KryoMon.AT-Berichts herunterladen.
Dr. Jakob Abermann
Dr. Tobias Bolch
Dr. Andrea Fischer
Iris Hansche MSc.
Dr. Lea Hartl
Dr. Ingo Hartmeyer
Mag. Bernhard Hynek
Dr. Martin Kainz
Dr. Viktor Kaufmann
Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer
Dr. Christoph Mayer
Anton Neureiter MSc.
Dr. Jan-Christoph Otto
Kerstin Krøier Rasmussen MSc.
Mag. Klaus Reingruber
Mag. Stefan Reisenhofer
Mag. Claudia Riedl
Dr. Birgit Sattler
Dr. Wolfgang Schöner
Mag. Bernd Seiser
Dr. Martin Stocker-Waldhuber
Dipl-Ing. Larissa Von Römer
Dr. Bernhard Zagel
Dr. Harald Zandler
Dr. Thomas Zechmeister
Unser herzlicher Dank gilt allen, die an der Entwicklung des Projekts KryoMon.AT – Kryosphären Monitoring Österreich und an der Erstellung der KryoMon.AT-Berichte mitgewirkt haben. Besonders danken wir den Autor:innen für ihre fachkundigen Beiträge, den Datengeber:innen sowie allen, die die Monitoringaktivitäten weiterentwickeln und zu ihrem Erhalt beitragen. Die langfristige Finanzierung solcher Monitoringprogramme ist nicht selbstverständlich. Umso mehr schätzen wir das große persönliche Engagement aller Beteiligten.
Ein besonderer Dank gilt den zahlreichen Forschungsgruppen und ehrenamtlichen Mitwirkenden, deren langjähriges Engagement die Grundlage der präsentierten Daten bildet – einschließlich der Datensammlerinnen und Datensammler früherer Generationen. Ihrem Einsatz verdanken wir kontinuierliche Messreihen und zentrale Erkenntnisse über die Wechselwirkungen zwischen Klima und Kryosphäre.
Ein besonderer Dank gilt dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft, für die Finanzierung dieses Berichts.
Für die Unterstützung bei der barrierefreien Umsetzung des Berichts danken wir außerdem Manuela Gloor (UmbruchBox).